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Left Book Club
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Der Left Book Club (LBC, Buchklub der Linken) war eine Mitte 1936 gegrĂŒndete britische Buchgemeinschaft, deren BemĂŒhungen um Vermittlung von Kenntnissen, nĂŒtzlich im Kampf fĂŒr einen Weltfrieden und gegen Faschismus, sich sinnbildlich in John Stacheys Buchtitel Why You Should Be a Socialist (Weshalb Sie ein Sozialist sein sollten) ausdrĂŒckten. Die mit dem unerwartet starken Verkauf von BĂŒchern einhergehende Entstehung von Diskussionsrunden ließ den LBC in kurzer Zeit zur grĂ¶ĂŸten britischen, die Bildung einer Volksfront anstrebenden politischen Bewegung werden. Seine pro-sowjetische Orientierung ließ ihn 1939 durch den Hitler-Stalin-Pakt in relative Bedeutungslosigkeit fallen, in der er bis zur Auflösung 1948 verharrte.

Contents

‱ Nachweise

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BĂŒcher zu einem Drittel des Normalpreises

Beliefert wurde der Left Book Club vom Verlag Victor Gollancz Ltd., dessen Besitzer „V.G.“ (so genannt von seinen Mitarbeitern) beim Versuch, ein Buch, das die Verflechtung von Handel und Politik thematisierte,cite-ref-1[1] auf den Markt zu bringen, feststellen musste, dass bestenfalls ein Prozent des Buchhandels bereit war, mit Sozialismus in Verbindung zu bringendes ins Sortiment zu nehmen. Trotzdem war es anschließend der Buchhandel – teils neu entstandene „linke“ BuchlĂ€den –, der bei dem sicheren System mitwirkte: Vom Verkaufspreis ein Drittel als HĂ€ndler-Provision und preisgĂŒnstig als Taschenbuch aufgemachte Werke, fĂŒr die es durch AbonnementsvertrĂ€ge kalkulierbare StĂŒckzahlen gab. Gollancz galt als Verkaufsgenie,cite-ref-2[2] treffsicher in der Auswahl der Titel und bei der Gestaltung der LBC-typischen, orangen, flexiblen EinbĂ€nde. Ein Buch monatlich zu einer halben Krone musste abgenommen werden – im Normalfall. Der Buchclub – oder genauer Victor Gollancz, der allzeit das Steuer in der Hand behielt – passte sich aber an die BedĂŒrfnisse der Kunden mit einer FĂŒlle von Mitgliedschaftsformen an: Abnahme von sechs oder vier BĂ€nden pro Jahr, oder eine Form, zu der ein Bezug der Wochenzeitung Tribune hinzukam. Weniger gut angenommen wurde eine Mitgliedschaft als „associate“ fĂŒr Geringverdiener oder Arbeitslose – mehrheitlich waren Bezieher eines festen Gehalts oder Freiberufler im LBC zu finden.cite-ref-3[3] Entsprechend dem Club-Anliegen, Informationen mit Bezug zum Zeitgeschehen zu liefern, wurden hauptsĂ€chlich Neuerscheinungen gedruckt, teils speziell in Auftrag gegeben und ĂŒberwiegend von politischer Natur. Was in Betracht kam, entschied das Auswahlkomitee bestehend aus Victor Gollancz, John Strachey und Harold Laski.

Die BĂŒcher selbst

Zirka 250 Titel erschienen im Left Book Club, gestartet wurde im Mai 1936 mit France Today and The People's Front (Frankreich heute und die Volksfront) von Maurice Thorez, dem Chef der Französischen Kommunistischen Partei. Damit nahm aber auch eine Entwicklung ihren Anfang, ĂŒber die Gollancz rĂŒckblickend meinte, dass „der Einfluß der Kommunisten auf die Buchgemeinschaft weit grĂ¶ĂŸer war, als er hĂ€tte sein dĂŒrfen, wenn sich das ĂŒberhaupt vermeiden ließ“.cite-ref-4[4] Das Problem, „nichts ĂŒber die Sowjetunion zu verschweigen“, ohne die Bewegung Schaden nehmen zu lassen, war nicht zeitig angegangen worden. John Lewis – im LBC Organisator der Diskussionsgruppen – wies hingegen darauf hin, es seien tatsĂ€chlich sehr wenige Kommunisten unter den Autoren gewesen,cite-ref-5[5] ohne BĂŒcher mit einer offen irrefĂŒhrenden Aussage, wie Dudley Collards Soviet Justice and the Trial of Radek and Others (Sowjetjustiz und der Prozess gegen Radek und weitere), rechtfertigen zu wollen.

Kommunist in der öffentlichen Wahrnehmung, jedoch niemals Parteimitglied, war John Strachey neben Gollancz die intellektuelle Hauptfigur des LBC, der geschickte ErklĂ€rer. Unter den sieben von ihm beigesteuerten BĂŒchern galt Coming Struggle for Power (Kommender Machtkampf) als die einflussreichste, von der englischen Linken ĂŒber Marxismus hervorgebrachte Arbeit.cite-ref-6[6] Ebenso bemerkenswert war eine Abhandlung von der LĂ€nge eines halben Romans, 30.000 Wörter, 100 Seiten, fĂŒr die „V.G.“ einen Verkaufspreis von „Twopence“ errechnete, könnte er 100.000 StĂŒck davon absetzen. Die Chancen erschienen ihm gut, bei diesem „kleinen Meisterwerk – kristallklar, nicht die geringsten Kenntnisse von Politik, Wirtschaft und Geschichte zum VerstĂ€ndnis erfordernd“.cite-ref-7[7] Der „Twopenny Strachey“ Why You Should Be a Socialist fand innerhalb eines Jahres 250.000 Abnehmer.

Mit dem vom Kommunisten Otto Katz verfassten Buch The Nazi Conspiracy in Spain (Die Nazi-Verschwörung in Spanien), wurde im Januar 1937 eine Reihe „Topical books“ eingeleitet, die vom Inhalt her als so wichtig angesehen wurden, dass man statt des Buchhandels den Post-Vertrieb wĂ€hlte. Der spanische BĂŒrgerkrieg entwickelte sich zum bestimmenden Thema und der LBC fĂŒhrte in Großbritannien die UnterstĂŒtzerszene der republikanischen Sache an. Arthur Koestler verhalf dank LBC sein Spanish Testament zum Durchbruch als Schriftsteller, George Orwells Homage to Catalonia (Mein Katalonien) hingegen wurde zurĂŒckgewiesen und erschien in einem anderen Verlag. Eine Auftragsarbeit war dessen Road to Wigan Pier (Der Weg nach Wigan Pier), die bereits zu Verstimmungen zwischen Buchgemeinschaft und Communist Party (CP) gefĂŒhrt hatte.cite-ref-8[8]

Das Thema „Notstandsgebiete“ hatte auch Ellen Wilkinson mit The Town that was Murdered (Die Stadt, die ermordet wurde) aufgegriffen und am konkreten Beispiel der nordenglischen Stadt Jarrow die dramatischen Auswirkungen von Massenarbeitslosigkeit beschrieben. Was sich in den Tagen der „Machtergreifung“ in Deutschland abspielte, beleuchtete Jan Petersens Our Street (Unsere Straße), Aurel Kolnais im Juli 1939 erschienenes War Against the West (Krieg gegen den Westen) wurde von Gollancz als „das wichtigste Buch, das der Club herausgegeben hat“, bezeichnet und beschrieb den Mischmasch von „Philosophien“ hin zur Blut-und-Boden-Ideologie.cite-ref-9[9]

Nach dem Hitler-Stalin-Pakt verfasste Walter Ulbricht einen Artikel, „worin er britischen Imperialismus zu dessen Ungunsten mit Hitlerismus“ verglich,cite-ref-10[10] Gollancz und Freunde setzten dem im Februar 1941 ihr The Betrayal of the Left (Der Verrat der Linken) entgegen, der kommunistische Einfluss auf den LBC war zu Ende. Gedruckt wurden nun auch BĂŒcher unorthodox marxistischen Charakters oder zum Beispiel Rosa Luxemburg: Her Life and Work (Rosa Luxemburg. Gedanke und Tat) von Paul Frölich. Gollancz kritisierte im Juli 1946 mit Our Threatened Values (Unsere bedrohten Werte) alle Formen von Diktatur, der letzte verlegte Band war 1948 The Meaning of Marxism (Die Bedeutung des Marxismus) von G. D. H. Cole, mit acht Werken der meistgedruckte Autor im LBC.

Der LBC und die britische Öffentlichkeit

Entstehung von Diskussionsgruppen

Der Left Book Club erreichte im April 1939 mit 57.000 Mitgliedern den Höhepunkt an Interesse, eine anfangs nicht vorhersehbare Begleiterscheinung war die Entstehung von bis zu 1.000 Diskussionsgruppen. Als RĂŒckmeldung auf den ersten veröffentlichten Band hatten fĂŒnf Abonnenten den Wunsch nach einer Diskussion mit weiteren Interessierten ĂŒber die im „Buch des Monats“ aufgeworfenen Fragen geĂ€ußert. Sie fanden ihre Namen im nĂ€chsten AnkĂŒndigungsblatt Left Book News und wurden die ersten „convener“ (Einberufer) von Diskussionsgruppen.cite-ref-11[11] Diese Treffen waren fĂŒr jeden offen und es kamen ursprĂŒnglich unpolitische Menschen, die aufgerĂŒttelt waren durch die Beseitigung der verfassungsmĂ€ĂŸigen Regierung in Spanien oder die fortdauernde Armut in den britischen Notstandsgebieten – vorbei waren die Tage der Teilnahmslosigkeit, als niemand zu derartigen Treffen hinzulocken war. John Lewis wurde im Herbst 1936 Organisator dieser Gruppen, Gollancz stellte hierfĂŒr in der Londoner Henrietta Street 17–18 die ganze Etage eines BĂŒrogebĂ€udes zur VerfĂŒgung. FĂŒnf Gebietsorganisatoren hatten den betrĂ€chtlichen Briefverkehr zu bewĂ€ltigen.cite-ref-12[12] Als 64-seitiger Ratgeber wurde 1939 ein Group Handbook herausgegeben, mit Anregungen fĂŒr Wochenendseminare, Anleitungen zum Abhalten von Versammlungen und RatschlĂ€gen fĂŒr Öffentlichkeitsarbeit. Entsprechend der GrĂ¶ĂŸe der Bewegung kam es zur Einrichtung von dauerhaften LBC-RĂ€umen und -Zentren. 200 eingetragene Mitglieder standen hinter dem bestausgestatteten „Leeds Centre“ mit Bibliothek, kleiner BĂŒhne, KĂŒche und VersammlungsrĂ€umen.cite-ref-13[13] Bei alledem: Der LBC fĂŒhlte sich nicht verantwortlich fĂŒr die politischen Schritte zu HerbeifĂŒhrung einer „Volksfront“, vielmehr wollte er seinen Mitgliedern zu einer Grundlage von Faktenwissen verhelfen (der ansehnliche Teil spĂ€ter bedauerter Propaganda außer Acht gelassen), auf das jene ihre politischen AktivitĂ€ten wĂŒrden aufbauen können. Wer aktiv werden wollte, bekam den Rat, sich einer Partei anzuschließen, wovon die CP profitierte, noch mehr aber die Labour Party.

Vortragsveranstaltungen

Kam Victor Gollancz mit einer Diskussionsgruppe zusammen, hielt er grundsĂ€tzlich eine wohlvorbereitete, kurze Ansprache, woraus bald Podiumsdiskussionen wurden, eine „WanderbĂŒhne“ politisch Prominenter, der „V.G.“ landesweit zu Auftritten verhalf.cite-ref-14[14] Der Verlag sorgte fĂŒr BĂŒcher und Redner sowie deren Tourneen, wĂ€hrend die Gruppen sich um VeranstaltungsrĂ€ume kĂŒmmerten. Volles Haus hatte man im Februar 1937 schon bei der „Albert Hall Rally“, ĂŒber eine Veranstaltung mit David Lloyd George 1939 schrieb Gollancz, es sei die grĂ¶ĂŸte von allen gewesen, „im Empress Stadion, dreiundzwanzigtausend waren in der Halle, fast ebenso viele, oder so sah es aus, draußen auf der Straße“.cite-ref-15[15] Ein Presse-Echo auf derartige Veranstaltungen (John Lewis wollte nur von 11.000 Menschen in der Empress Hall wissen) war kaum vernehmbar, zwar keine Zensur, aber eine „Appeasement“-förderliche SelbstbeschrĂ€nkung.cite-ref-16[16] Gollancz hingegen agierte weiter fĂŒr einen Vertrag der drei MĂ€chte Russland, Frankreich und Großbritannien, mittels dessen sich Hitler wĂŒrde abschrecken lassen. Einem satirischen Bericht ĂŒber einen LBC-Vortragsabend in einem kalten, schlecht beleuchteten Saal, hatte George Orwell im selben Jahr in seinem Buch Coming Up for Air ein halbes Kapitel gewidmet:

„Das ĂŒbliche Volk von fĂŒnfzehn oder sechzehn Leuten war aufgekreuzt. An der Vorderseite der BĂŒhne machte ein gelber Anschlagzettel bekannt, dass es ein Vortrag ĂŒber ‚Die drohende Gefahr des Faschismus‘ war.[
] Unser GrĂŒppchen saß im Licht um die BĂŒhne, mit ungefĂ€hr dreißig Reihen leerer StĂŒhle hinter uns.“cite-ref-17[17]

Amateurtheater „Left Book Club Theatre Guild“

War eine BĂŒhne vorhanden, konnte ein Vortragsabend mit einem von der LBC Theatre Guild aufgefĂŒhrten Einakter an AttraktivitĂ€t gewinnen. Der Regisseur John Allen hatte eine Vollzeitstelle fĂŒr die Organisation der gut 250 Zweigstellen dieses im April 1937 gegrĂŒndeten Amateurtheaters.cite-ref-18[18] Die „Guild“ arbeitete eng zusammen mit dem Unity Theatre (UT) – der Name war Programm und stand fĂŒr die angestrebte Einheit von Labour und CP –, bei dem Gollancz und Laski Mitglieder des „General Council“ waren,cite-ref-19[19] dessen „Management Committee“-PrĂ€sident AndrĂ© van Gyseghemcite-ref-20[20] im Gegenzug zur „Professional Actors' Group“ des LBC gehörte.cite-ref-21[21] Die LBCTG brachte StĂŒcke wie Waiting for Lefty von Clifford Odets oder Where's that Bomb von Herbert Hodge zur AuffĂŒhrung.cite-ref-22[22] Ein VorlĂ€ufer dieser Gruppen war die Workers' Theatre Movement (WTM, Arbeitertheater-Bewegung 1926–35), die nicht zuletzt an ihrer Verflechtung mit der kommunistischen „Sozialfaschismus“-Agitation scheiterte. Da die Versuche der WTM unwirksam geblieben waren und vereinzelt wie ihre Gruppen, achtete die „Guild“ nach dem Vorbild des LBC auf den andauernden Kontakt zur Arbeiterbewegung.cite-ref-23[23] Organisatorische Details wie eine „Satzung“ wurden nun ernst genommen und an jene des UT angelehnt. Umgekehrt half man beim Umbau von St. Pancras zum neuen Heim des UT in der Londoner Goldington Street. Ein Erfolg, nicht nur im zweieinhalbjĂ€hrigen Bestehen, sondern fĂŒr das sozialistische Amateurtheater des Landes ĂŒberhaupt, war der Beitritt zur „British Drama League“, dem grĂ¶ĂŸten Verband von Amateurtheatern in Großbritannien. Die britische Theatertradition wurde in ihrer Gesamtheit – trotz der ZurĂŒckweisung des zeitgenössischen bĂŒrgerlichen Theaters – nicht abgelehnt.cite-ref-24[24] Der Kriegsbeginn mit seinen Einberufungen und Evakuierungen brachte dann fĂŒr Durchschnittsgruppen mit 15 bis 20 Mitgliedern bei einem Entzug von 5 bis 6 Akteuren das schnelle Aus.cite-ref-25[25]

Eigentlich Freunde – LBC und Labour

In den Tagen der GrĂŒndung des LBC spĂŒrte die „Nationale Regierung“ kaum Opposition von der Labour-Partei, die seit der Wahlniederlage 1931 wie gelĂ€hmt schien. Eine politische Erweckungsbewegung, die in schlĂ€frigen Ortsvereinen plötzlich fĂŒr einen neuen Antrieb sorgte, konnte da nur willkommen sein – C. R. Attlee sandte der „Albert Hall Rally“ Anfang 1937 freundliche Worte. Andauernde Spannungen zwischen „Henrietta Street“ und „Transport House“ (der damaligen Labour-Parteizentrale) erwuchsen aber bald daraus, dass Labour Themen wie „Vereinigte Front“ oder „Volksfront“ mit einem Bann belegt hatte, wĂ€hrend sie dem LBC ein Herzensanliegen waren. Die Parteileitung bezog öffentlich in der Presse Stellung gegen den Club, Parteimitgliedern mit LBC-Abonnement wurde der Ausschluss angedroht und ein eigener „Labour Book Service“ zu Wege gebracht. So wie die Drohung ein Schritt zu weit war, erwies sich der „Book Service“ als Flop. Nichts konnte den LBC daran hindern, die Position einzunehmen, die vorher die Fabian Society innehatte,cite-ref-26[26] und jenen Impuls zu geben, der sich bald in einem vorherrschend „linken“ Meinungsbild bei den StreitkrĂ€ften niederschlug und 1945 den Wahlsieg brachte – fĂŒr Labour.cite-ref-27[27]

Left News − mehr als ein Mitglieder-Magazin

Von Anfang an lag dem „Buch des Monats“ ein Blatt Left Book News bei, mit Hinweisen auf kommende Angebote, woraus im Dezember 1936 die Left News (Linke Nachrichten) wurde. Hierzu schrieb Gollancz einen Leitartikel – nur zur Ausnahme, wie er meinte –, er wurde zur festen Einrichtung, neben den oft von Harold Laski verfassten Buchbesprechungen und John Stracheys Topic of the Month (Thema des Monats). Nicht-Mitglieder konnten das Heft fĂŒr 3 s im Halbjahr abonnieren. Mit dem Hochschnellen der Anzahl von Diskussionsgruppen wuchs die Left News innerhalb von einem Jahr von 15 auf 30 Seiten, auch gefĂŒllt mit organisatorischen Bekanntmachungen.cite-ref-28[28] Viel Raum nahmen wohlwollende Berichte ĂŒber die Situation in der Sowjetunion ein, selbst eine Zusammenfassung der „Stalin-Verfassung“ wurde gedruckt. Im September 1938 kam das Magazin auf 40 Seiten, an Material hatte man das Doppelte dessen, was veröffentlicht wurde. Gollancz sah es obendrein als Mangel an, auf aktuelle Themen nur allmonatlich reagieren zu können und lotete die Erfolgschancen fĂŒr ein Wochenblatt aus, das mehr sein sollte, als „nur eine weitere Zeitung“.cite-ref-29[29] Es wurde die Tribune mit „V.G.“ im Herausgebergremium.

War der LBC auch „eine der ersten britischen Organisationen, die einen systematischen Angriff auf den Faschismus unternahm“,cite-ref-30[30] fĂŒr den Gollancz „Haß nicht nur auf Ideen, sondern auch auf Personen“ als Kennzeichen ansah, galt doch fĂŒr ihn: „Aber wenn ich den Faschismus hasse, so hasse ich doch nicht die Faschisten“.cite-ref-31[31] Im Artikel Thoughts after Munich (Gedanken nach MĂŒnchen, Left News, November 1938) rekapitulierte Gollancz die Absichten des LBC und bemerkte, man sei „im leidenschaftlichen Glauben an gewisse Ideen“, „zuviel von einem Propagandisten und zuwenig von einem Erzieher“ geworden,cite-ref-32[32] habe sich „zu sehr (wenn auch nicht ausschließlich) auf zwei oder drei Gesichtspunkte“ konzentriert und dabei „nur sehr wenige BĂŒcher von Liberalen veröffentlicht“.cite-ref-33[33] Gollancz zitierte die „Nazidoktrin der Propaganda“, wonach sie „nicht objektiv auch die Wahrheit, soweit sie den anderen gĂŒnstig ist, zu erforschen, um sie dann der Masse in doktrinĂ€rer Aufrichtigkeit vorzusetzen, sondern ununterbrochen der eigenen zu dienen“ habe und stellte dem die Position des Left Book Club entgegen: „Mit solchen Methoden dĂŒrfen wir nichts zu tun haben.“ Der Club sollte sich nicht der Idee hingeben, „daß ‚Der Zweck die Mittel heiligt‘“.cite-ref-34[34]

Grund zu Kontroversen gab es ab September 1939 genug: Gollancz und Laski befĂŒrworteten Großbritanniens Krieg gegen Nazi-Deutschland als einziges Mittel zur Beseitigung Hitlers, Strachey lehnte ihn zunĂ€chst ab, schon wegen der Gefahr einer Ausweitung auf die Sowjetunion. Der LBC, dessen ursprĂŒngliches Ziel die Verhinderung von Krieg war, fĂŒhrte nun eine heftige Debatte, und Gollancz konnte das gĂ€nzliche Auseinanderfallen nur vermeiden, indem er ankĂŒndigte, hoch provokative und kontroverse Artikel ĂŒber alle Themen zu drucken – außer zur Frage des Krieges.cite-ref-35[35] Die Left News begann gegenĂŒber dem Buchvertrieb an Bedeutung zu gewinnen und erhielt mit dem International Socialist Forum ein 12-seitiges Supplement, dessen Chefredakteur der österreichische Sozialist Julius Braunthal war. Hierin lag auch die Bedeutung des LBC in den Kriegsjahren, publizistische Stelle fĂŒr Exil-Sozialisten vom Kontinent zu sein. Die Left News erschien letztmals im MĂ€rz 1947.

Ursache und Wirkung

FĂŒr Victor Gollancz war mit dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten die Kriegsgefahr derart greifbar, dass er umgehend ein Landhaus im Brimpton erwarb (in dem er nach Kriegsbeginn eine stark verkleinerte Ausgabe seines Verlags unterbrachte). Neville Chamberlain redete ĂŒber „die weit entfernten LĂ€nder, von denen wir nichts wissen“,cite-ref-36[36] und „V.G.“ sorgte wie kaum ein anderer dafĂŒr, dass diese WissenslĂŒcken beseitigt wurden – wenigstens bei den LBC-Mitgliedern. Was blieb, war eine Bereicherung des gĂ€ngigen englischen Wortschatzes um Begriffe wie „VollbeschĂ€ftigung“, „sozialisierte GesundheitsfĂŒrsorge“, „Stadtplanung“ oder „soziale Gleichberechtigung“.

Nachweise

‱ Victor Gollancz: Mein lieber Timothy. Ein autobiographischer Brief an meinen Enkel (My Dear Timothy und More for Timothy, London 1952 u. 1953), ĂŒbers. von Lutz Weltmann, Sigbert Mohn Verlag, GĂŒtersloh 1960, S. 976–1005
‱ Stuart Samuels: Der »Left Book Club«, aus dem Englischen ĂŒbers. v. Matthias BĂŒttner. In: Walter Laqueur u. George L. Mosse (Hrsg.): Linksintellektuelle zwischen den beiden Weltkriegen, Nymphenburger Verlagshandlung, MĂŒnchen 1969, S. 96–126
‱ John Lewis: The Left Book Club. An historical record. Vorwort Margaret Cole. Victor Gollancz Limited, London 1970, ISBN 0-575-00586-6
‱ Reiner Lehberger: Das sozialistische Theater in England 1934 bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Studien zu Geschichte und den ProgrammtĂ€tigkeiten des „Left Theatre“, „Unity Theatre“ und der „Left Book Club Theatre Guild“, Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main u. a. 1977, ISBN 3-261-02941-4

Einzelnachweise

cite-note-11. ↑ V. Gollancz: Mein lieber Timothy. GĂŒtersloh 1960, S. 971
cite-note-22. ↑ J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 19
cite-note-33. ↑ J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 81
cite-note-44. ↑ V. Gollancz: Mein lieber Timothy. GĂŒtersloh 1960, S. 978
cite-note-55. ↑ J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 107
cite-note-66. ↑ Sonia Orwell u. Ian Angus: The Collected Essays. Journalism and Letters of George Orwell. Volume I. London 1969, S. 218
cite-note-77. ↑ J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 96
cite-note-88. ↑ S. Samuels: Der »Left Book Club«. MĂŒnchen 1969, S. 117
cite-note-99. ↑ J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 91
cite-note-1010. ↑ V. Gollancz: Mein lieber Timothy. GĂŒtersloh 1960, S. 1003
cite-note-1111. ↑ J. Lewis. The Left Book Club. London 1979, S. 14
cite-note-1212. ↑ J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 63
cite-note-1313. ↑ J. Lewis: The Left Book Club, London 1970, S. 46
cite-note-1414. ↑ S. Samuels: der »Left Book Club«, MĂŒnchen 1969, S. 112
cite-note-1515. ↑ V. Gollancz: Mein lieber Timothy. GĂŒtersloh 1960, S. 1002
cite-note-1616. ↑ J. Lewis: The Left Book club. London 1970, S. 102
cite-note-1717. ↑ („The usual crowd of fifteen or sixteen people had rolled up. On the front of the platform there was a yellow placard announcing that the lecture was on 'The Menace of Fascism'.[
] The little knot of us were sitting in the light round the platform, with about thirty rows of empty chairs behind us.“) George Orwell: Coming Up for Air, London 1939 (Nachdruck 1973), S. 146 f.
cite-note-1818. ↑ S. Samuels: Der »Left Book Club«. MĂŒnchen 1969, S. 109
cite-note-1919. ↑ R. Lehberger: Das sozialistische Theater in England. Frankfurt am Main u. a. 1977, S. 99
cite-note-2020. ↑ R. Lehberger: Das sozialistische Theater in England. Frankfurt am Main u. a. 1977, S. 97
cite-note-2121. ↑ R. Lehberger: Das sozialistische Theater in England. Frankfurt am Main u. a. 1977, S. 194
cite-note-2222. ↑ J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 47
cite-note-2323. ↑ R. Lehberger: Das sozialistische Theater in England. Frankfurt am Main u. a. 1977, S. 196
cite-note-2424. ↑ R. Lehberger: Das sozialistische Theater in England. Frankfurt am Main u. a. 1977, S. 207
cite-note-2525. ↑ R. Lehberger: Das sozialistische Theater in England. Frankfurt am Main u. a. 1977, S. 202
cite-note-2626. ↑ S. Samuels: Der »Left Book Club«. MĂŒnchen 1969, S. 124
cite-note-2727. ↑ J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 125
cite-note-2828. ↑ J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 23 u. 39 f.
cite-note-2929. ↑ J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 69
cite-note-3030. ↑ S. Samuels: Der »Left Book Club«. MĂŒnchen 1969, S. 100
cite-note-3131. ↑ V. Gollancz: Mein lieber Timothy. GĂŒtersloh 1960, S. 994
cite-note-3232. ↑ V. Gollancz: Mein lieber Timothy. GĂŒtersloh 1960, S. 991
cite-note-3333. ↑ V. Gollancz: Mein lieber Timothy. GĂŒtersloh 1960, S. 992
cite-note-3434. ↑ V. Gollancz: Mein lieber Timothy. GĂŒtersloh 1960, S. 993
cite-note-3535. ↑ J. Lewis: The Left Book Club. London 1970, S. 126
cite-note-3636. ↑ S. Samuels: Der »Left Book Club«. MĂŒnchen 1969, S. 123